04.06.2021 08:32:23 | FC Phönix Seen, Urs Okle

Bericht aus dem Landboten über Abri


Einer, der sich kümmert
Fussball 2. Liga Mit dem Nachtragsspiel in der 2. Liga am Sammstag in Wiesendangen beginnt für Trainer Abramo D’Aversa die letzte Phase der acht Jahre langen Ära mit dem FC Phönix Seen. Ein Porträt.


Urs Kindhauser

Spannender könnte die Ausgangslage fast nicht sein: Wenn Phönix Seen am Samstag in Wiesendangen die Meisterschaft in der 2.-Liga-Gruppe 2 wiederaufnimmt, hat es vier Punkte Rückstand auf Leader SV Schaffhausen. Aber die Winterthurer haben ein Spiel weniger ausgetragen und eine ihrer verbleibenden vier Partien ist die Direktbegegnung mit den Schaffhausern. «Es liegt sehr viel drin», sagt Phönix-Trainer Abramo D’Aversa. «Wir wollen das Ziel Aufstieg unbedingt erreichen. Es gäbe nichts Schöneres.»

Im Erfolgsfall käme das Beste zum Schluss, denn mit dieser Saison endet auch eine Ära. D’Aversa und Phönix werden nach acht gemeinsamen Jahren getrennte Wege gehen, das hat man schon Mitte April verkündet. Mit D’Aversa werden auch zahlreiche Spieler Phönix verlassen, welche die lange gemeinsame Zeit mitgeprägt haben. Der neue Trainer Manuel Trashorras, der im Moment noch die zweite Phönix-Mannschaft betreut und mit dieser in der 3. Liga Leader ist, wird unabhängig von der Ligazugehörigkeit einen markanten Neuaufbau vornehmen.

Phönix Seen: wie eine Familie

Das musste in noch grösserem Ausmass auch D’Aversa tun, als er bei Phönix 2013 anfing, im Jahr eins nach dem Abstieg des Clubs aus der 2. Liga interregional. «Wir mussten damals ein komplett neues Team zusammenstellen» erinnert er sich. «Der Kitt, der daraus entstanden ist, ist enorm. Jetzt ist das Potenzial da, es gibt Junge und Alte. Das haben wir uns aufgebaut.» Und er gibt zu: «Es schmerzt schon, das loszulassen. Die Mannschaft ist wie eine Familie.»

Wer D’Aversa gegenüber sitzt, merkt schnell, was er meint und dass dieser Trainer ein wichtiger Grund für den Zusammenhalt sein muss. Er versteht es zu begeistern und auf andere einzugehen. Die soziale Seite im Fussball ist ihm wichtig. «Ich will eben nicht nur Trainer, sondern auch ein Freund der Spieler sein», sagt er über sich selber. Die Nähe kommt in der Art zum Ausdruck, wie er über seine Spieler spricht, wie er immer wieder betont, was für «flotte Typen» sie seien, neben dem Platz - obwohl die Statistik der Strafpunkte Jahr für Jahr etwas anderes suggeriert. Kein Aufwand ist ihm zu gross, etwa wenn es darum geht, für einen Neuen einen Job zu besorgen. D’Aversa ist einer, der sich kümmert: um seine Spieler und ihr Umfeld.

Diese Fürsorglichkeit ist ein wesentlicher Grund dafür, dass die Beziehung zwischen dem Trainer und der Mannschaft so lange gedauert hat - obwohl der sportliche Erfolg nie komplett war. Phönix schnupperte unter D’Aversa oft an der Rückkehr in die 2. Liga interregional, erreichte sie bisher aber nie. Nicht weniger als vier Mal war man Zweiter (2014/15, 16/17, 17/18 und 18/19). «Andere Teams wären daran zerbrochen, wir aber sind immer noch zusammen» sagt der Trainer. «Deshalb ist der Charakter dieses Teams so hammermässig. Es wäre cool, wenn das letzte Mosaiksteinchen jetzt noch passen würde.»

Töss: Erinnerungen fürs Leben

Phönix ist der zweite Club, mit dem D’Aversa lange zusammenarbeitet. Und erst das dritte Aktivteam, das der 48-Jährige in nun 15 Saisons als Trainer betreut. Vor Phönix war er in Schaffhausen bei der Spielvereinigung. Aber nur ein Jahr. Seine Karriere begann er beim FC Töss, wo er 2006 vom Spieler direkt zum Trainer befördert wurde. Im zweiten Jahr stieg Töss in die 2. Liga interregional auf.

Zwar endete die Zusammenarbeit mit Töss 2012 mit einem Misston: D’Aversa wurde kurz vor Saisonende freigestellt, ausgerechnet vor dem Match gegen sein künftiges Team, die Spielvi. Trotzdem findet er: «Es waren sechs ganz schöne und erfolgreiche Jahre mit einer coolen und auch etwas exotischen Mannschaft.» Töss war damals die Nummer 1 unter den Amateurteams der Region, auch, weil es auf Spieler zählen konnte, die ihre Ausbildung im Nachwuchs des FCW genossen hatten. 2010 fehlten nur fünf Punkte zum Aufstieg in die 1. Liga, den dann der SC Brühl schaffte. Dreimal spielte Töss in jener Zeit eine Rolle im Schweizer Cup: 2007 beim 0:8 im 1/32-Final gegen St. Gallen, zwei Jahre später beim 1:2 im Achtelfinal auf dem Deutweg gegen Luzern und 2011 beim 0:10 auf der Schützi gegen die Grasshoppers in der ersten Hauptrunde. «Das sind Erinnerungen fürs Leben», sagt D’Aversa.

SV Schaffhausen: ein schönes Jahr

Nachtragend ist er nicht, deshalb blickt er auch ohne Groll auf das nur einjährige Gastspiel 2012/13 in Schaffhausen zurück: «Das war auch ein sehr schönes Jahr mit einer jungen Mannschaft in einem Verein, bei dem alles top organisiert war. Das war damals neu für mich.» Die Spielvi lag bei Halbzeit der Saison auf Rang 2, doch danach schieden sich die Geister. D’Aversa: «Ich wollte vorwärts kommen. Die Spielvi auch, aber auf eine andere Weise.»

Jetzt also kämpft er bei seinem letzten Effort für Phönix ausgerechnet gegen seinen ehemaligen Verein um den Aufstieg. Der Weg dahin ist steinig, angefangen beim Nachtragsspiel in Wiesendangen: «Da tun wir uns immer schwer», weiss D’Aversa.

Die Zukunft: Es muss ihn kitzeln

Wie es mit ihm nach Abschluss dieser verkürzten Saison weitergeht, das weiss D’Aversa noch nicht. Mindestens bis Dezember will er sich eine Pause gönnen, «denn ich habe lange viel investiert». Das will er auch an seiner nächsten Station tun, «aber es muss ein Club mit Ambitionen sein. Wenn jemand sagt, er will Zehnter oder Elfter werden, dann bin ich der Falsche. Es muss eine Aufgabe sein, die mich kitzelt.»